Wabi Sabi – eine Absage an den Perfektionismus

verwitterte Türe mit altem Riegel und neuem Schloss mit meergrünem Lack, der abgeplatzt ist

Eine der merkwürdigsten und schwierigsten Gewohnheiten, die sich bei vielen unter uns leise einschleicht, ist der Wunsch, dass alles irgendwann stimmen soll.

Der richtige Zeitpunkt.

Die richtige Entscheidung.

Die richtige Version von uns selbst.

Und solange das nicht erreicht ist, fühlt sich vieles so komisch vorläufig an. Als müsste man noch etwas korrigieren, nacharbeiten.

Wenn ich erstmal den richtigen Partner gefunden habe… Wenn ich doch nur endlich die paar Kilos bis zu meinem idealen Körpermaß ab- oder zugenommen habe… Wenn ich dann in der richtigen Wohnung am richtigen Ort lebe, mit der richtigen Einrichtung – Pinterest-tauglich und Instagram-like, versteht sich -, dann…

Ja. Was dann?

Nicht perfekte Zwischenstände

Wir glauben, Ruhe entsteht erst, wenn alle Dinge geklärt sind. Wenn jedes Gefühl verstanden ist. Wenn die endlose To-Do-Liste abgearbeitet ist. Wenn ein Weg sichtbar wird.

Aber so funktioniert das Leben selten.

Meistens bleibt doch etwas offen. Ein Gedanke, der nicht zu Ende gedacht ist. Ein Plan, der nicht aufgeht. Eine Frage, die nicht verschwindet. Eine Phase, die länger dauert als gewünscht.

Wabi Sabi ist kein Konzept, das man anwenden kann. Eher ein leises Verschieben des Blicks. Weg von der Idee, dass etwas erst dann gut ist, wenn es vollständig ist.

Weißer Teller mit zwartem Blütenmuster und einem Riss, der geklebt wurde

Eine Schale mit einem kleinen Riss wird nicht wertlos. Sie zeigt nur, dass sie benutzt wurde. Dass sie Zeit getragen hat. Und bei uns Menschen und unseren Lebenswegen ist es ganz ähnlich. Nicht alles, was anstrengend war und ist, muss verschwinden, damit etwas Neues beginnen kann.

Beim Journaling fällt es mir besonders auf. Wabi Sabi haucht dem Schreiben erst Leben ein. Manche Seiten entstehen klar und ruhig. Andere bleiben fragmentarisch. Halbe Sätze, lose Gedanken, Dinge, die sich nicht einordnen lassen. Der Versuch, daraus etwas Stimmiges zu machen, ist sinnloser als das Geschriebebe.

Wabi Sabi macht sie möglich. Die Liebe zum Unperfekten.

Nicht jeder Gedanke braucht eine Lösung. Manches darf einfach ein Zwischenstand bleiben.

Unvollkommene Resultate

Und darin liegt das größte Geschenk, eine besondere Form von Ent-Lastung. Nicht alles reparieren zu müssen. Nicht jede Unruhe sofort zu erklären. Dinge dürfen sich verändern, auch ohne dass man sie ständig beobachtet.

Wir dürfen ohne Bikinifigur und als Single ohne richtigen Partner glücklich sein. Wir müssen uns nicht perfekt ernähren und uns auch nicht zu einer Morgenroutine zwingen, die gegen unseren Biorhythmus kämpft. Wir dürfen sporadisch unser Allerbestes geben und weiterhin Höchstleistungen erbringen. Wenn wir wollen. Aber wenn wir nicht wollen, dann dürfen wir einfach SEIN.

Wabi Sabi bedeutet für mich nicht, Unvollkommenheit schön zu reden. Sondern aufzuhören, sie als Fehler zu behandeln.

Es gibt Tage, die sich unfertig anfühlen. Gespräche ohne Abschluss. Entscheidungen, die noch keine Sicherheit bringen. Und trotzdem geht das Leben weiter. Leise. Unaufgeregt.

Und dann entsteht eine neue, gesunde Ausrichtung nicht dadurch, dass alles klar wird. Sondern dadurch, dass man aufhört, auf den perfekten Moment zu warten.

Und dass man mit einem neuen, wohlwollenderen Blick auf die Dinge erkennt, dass auch das Unfertige bereits Teil des Ganzen ist.


Bildnachweis

Tür. Foto von mdreza jalali auf Unsplash
Teller. Foto von Fernando Lavin auf Unsplash


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